Vita
Daniel Man arbeitet mit Malerei, Wandarbeiten und raumbezogenen Installationen. Er wurde 1969 in London geboren und lebt und arbeitet in Augsburg und München.
Seine Bilder entstehen Schicht für Schicht, ohne Skizze und ohne vorgefasstes Motiv. Seine Installationen verändern sich mit jedem Schritt der Betrachtenden. Arbeiten im Atelier und im Außenraum sind für ihn mittlerweile nicht mehr zu trennen; sie gehören zusammen wie Ein- und Ausatmen.
The PainThing
Galerie Andreas Binder, München, 2026
Foto: Kilian Blees
Herkunft
1977 kam Daniel Man mit sieben Jahren aus Hongkong nach Deutschland. Die chinesische Kalligrafie begleitet ihn seit frühester Kindheit; ihre Technik und Bildkomposition sind aus seiner Malerei nicht wegzudenken. Von seinem Vater lernte er ein Prinzip der chinesischen Landschaftsmalerei kennen: Raum entsteht dort mit wenigen Mitteln. Nebel und Wolken sind nicht gemalt, man erahnt sie aus dem Zusammenhang des Bildes. Der Blick erwandert es von oben nach unten.
Prägend war auch ein Umbau im neuen Zuhause. Der Restaurantraum war zu groß; sein Vater baute deshalb mit einem Schreiner eine verwinkelte Pagode hinein: einen Raum im Raum. Ein Wandbild darin öffnete einen weiteren, gemalten Raum.
Graffiti
ab 1984
1984 wurde er unter dem Namen CODEAK in der Graffitiszene aktiv. Er blieb es knapp fünfzehn Jahre lang; Arbeitsreisen führten ihn um die Welt. Er lernte, sich auf immer neue räumliche Situationen einzustellen. Bis heute ist er überzeugt, dass der Außenraum eine andere Sprache verlangt als der geschützte Innenraum.
Studium
bis 2005
Die Graffitiszene war damals stark von stilistischen Dogmen geprägt. Um sie für sich zu durchbrechen, ging er an die Akademie. Er studierte Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig bei Walter Dahn und ab 2003 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Markus Oehlen. 2005 schloss er mit dem Diplom ab und wurde Meisterschüler. Walter Dahn gab ihm einen Satz mit, den er nie vergessen hat: Er solle loslassen, die Wurzeln kämen eines Tages wieder.
Aus der Graffitizeit trug er die Figuration in die akademische Kunst hinein; aus der Akademie nahm er die Abstraktion mit. Im Studium erwachte sein Interesse an Prozessen der Veränderung, der Verschiebung und des Wachstums, an ihren Zwischenstadien und Kontrasten.
Räume
2005–2013
Direkt nach dem Studium nahm ihn die Galerie Sprüth Magers Projekte in ihr Programm auf; 2006 zeigte er dort „Mothership Blueprints“. Ab 2009 vertrat ihn die Galerie Nusser & Baumgart in München. Es folgten Ausstellungen in Museen und Galerien, unter anderem in der Weserburg in Bremen, in der Kunsthalle Barmen in Wuppertal sowie in Silkeborg, Hamburg, Zürich und Leipzig.
Meist waren es raumbezogene Installationen. Er reagierte auf die vorgefundene Architektur mit Wandmalereien und setzte Leinwände, Skulpturen und Scherenschnitte für den jeweiligen Ort zueinander in Beziehung. Wer die Räume durchschritt, sah die Konstellationen mit jedem Standort anders.
Mothership Blueprints
Sprüth Magers Projekte, München, 2006
Foto: Daniel Man
Ordnungen
bis 2017
Lange folgten seine Bilder vorgefassten Ideen. Ihn fesselten Darstellungen, die komplexe Zusammenhänge ordnen und sichtbar machen: Erklärungsmodelle der Physik und der Quantenphysik, grafische Notationen, Stammbäume, Mindmaps und die alchemistischen Illustrationen Robert Fludds aus dem 17. Jahrhundert. Mit der Zeit fühlte er sich von diesen vorgefassten Formen eingeengt.
Lange schon wollte er die Graffiti- und Streetartszene als Gesamtkunstwerk darstellen; die Soziogramme von Mark Lombardi zeigten ihm, wie. Er schickte Fragen an Künstlerinnen und Künstler aus seinem engsten Umkreis und setzte ihre Antworten in das vier Meter lange Bild the InSight from Side Out um. Dabei wurde ihm klar, dass ihn vor allem Prozesse und ihre Verläufe interessieren.
Tales from above
Galerie Molliné, Stuttgart, 2013
Foto: Daniel Man
Öffentlicher Raum
seit 2014
Walter Dahn behielt recht: Etwa zehn Jahre nach dem Diplom kamen wieder Anfragen für Murals, seither regelmäßig. Er selbst nennt diese Rückkehr einen Re-Import: Was er im Atelier erarbeitet hat, fließt zurück in den Außenraum. Für den Kiosk vor dem Lenbachhaus in München entwickelte er Eis, Eisbaby, eine Bemalung in wechselnden Phasen. Zum Auftakt 2014 sprühte er den Kiosk vollständig schwarz, dann brach er die Fläche mit weißen Linien auf. Es folgten eine farbige geometrische Komposition, ein Schablonentext und ein Camouflage-Muster, bis der Kiosk mit seiner Umgebung zu verschmelzen schien. 2018 übertrug er die Kioskbemalung für die Ausstellung „I’M A BELIEVER“ im Lenbachhaus in eine Rauminstallation.
Mit Sebastian Giussani und Ina Kapitola schuf er 2017 Common Wall, eine 16 Meter breite Skulptur aus Stahl und Aluminium im Innenhof des Münchner Bildungszentrums Einstein 28. In der Säulenhalle der STOA169 in Polling ist er dauerhaft mit zwei skulpturalen Arbeiten vertreten.
Eis, Eisbaby
Rauminstallation in I’M A BELIEVER, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, 2018
Foto: Simone Gänsheimer
Courtesy: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Papier
2017–2020
Beim Ausschneiden von Motiven blieben Papierreste übrig, die er lange beiseitelegte und aufeinanderstapelte. Fast ein Jahr später bemerkte er, dass der Stapel ohne Absicht selbst zu einer Arbeit geworden war. Aus solchen geschichteten Papierrahmen entwickelte er Arbeiten, deren Farben er aufeinander abstimmte und die dabei räumliche Tiefe gewannen.
Im Kunstverein Ebersberg baute er 2020 für die Ausstellung „Sorry for the inconvenience“ einen Tunnel durch drei Räume: großformatige Papierarbeiten, gestaffelt im Abstand von je einem Meter. „Solange sich die Betrachtenden in dem Tunnel bewegen, sind sie in diesem Farbkorridor ‚gefangen‘, er hüllt sie ein“, sagte er 2023 im Gespräch mit Anne Vieth. Erst von außen wurde der Korridor als Ganzes sichtbar. Wie sich der Eindruck veränderte, bestimmte das eigene Schritttempo.
Sorry for the inconvenience
Kunstverein Ebersberg, 2020
Foto: Daniel Man
Malerei
seit 2017
Heute steht der Prozess selbst im Vordergrund. Daniel Man arbeitet ohne Skizzen und Entwürfe; die Form folgt dem Prozess. Wo eine Linie aufhört, entscheidet er erst im Malen, abhängig von allem, was gerade auf dem Bild geschieht.
Eine Farbschicht malt er meist vollständig aus. Sie steht wie ein Satz, auf den die nächste Schicht antwortet. Je nach Farbe und Deckkraft löscht die Antwort das Vorherige aus oder arbeitet mit ihm zusammen, sodass beide sichtbar bleiben. Weil er oft vom Bildrand her übermalt, öffnen sich Durchblicke wie durch ein Schlüsselloch. Den Vergleich brachte eine Besucherin auf; er fand ihn treffend. Mit Airbrush legt er weiche, nebelhafte Flächen an; hartkantige Formen darüber öffnen Bildräume, Linien halten zart dagegen.
Just Another Critical Experience
2023
Acryl, Pigmenttusche auf Leinen, 180 × 140 cm
Foto: Kilian Blees
Just Another Critical Experience
Detail
Schlüssellöcher
2025
Acryl, Pigmenttusche auf Reinleinen
110 × 90 cm
Jüngste Arbeiten
2023–2026
In den neuen Bildern scheint sich ein früheres Verhältnis umzukehren. Wo feine Muster einst die Struktur vorgaben, bilden nun kräftige, selbstbewusste Farbsetzungen die Basis. Das Schlüsselloch-Prinzip öffnet sich und verliert an Strenge. Er arbeitet vor allem mit Acryl und wieder verstärkt mit Airbrush.
Seit 2018 vertritt ihn die Galerie Andreas Binder in München. In ihren Räumen verbinden sich Leinwände und Wandmalerei zu einem räumlichen Ganzen, zuletzt 2026 in „The PainThing“, seiner vierten Ausstellung dort.
Die Einteilung in Phasen hält er selbst für zweitrangig. Im selben Gespräch sagte er: „Was mich vielmehr interessiert, sind die Bezüge, die die Werke untereinander haben.“
between thoughts
augsburg contemporary, Augsburg, 2024
Foto: Daniel Man
The PainThing
Galerie Andreas Binder, München, 2026
Foto: Kilian Blees
Daniel Man
Foto: Bruno Tenschert
Daniel Man
1969
In London geboren
1977
Mit sieben Jahren aus Hongkong nach Deutschland
Lebt und arbeitet in Augsburg und München
Ausbildung
Studium der Freien Kunst bei Walter Dahn
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
2003–2005
Studium der Freien Kunst bei Markus Oehlen
Akademie der Bildenden Künste München
2005
Diplom und Meisterschülerabschluss
Akademie der Bildenden Künste München
Einzelausstellungen und Projekte (Auswahl)
2026
The PainThing
Galerie Andreas Binder, München
2024
between thoughts
augsburg contemporary, Augsburg
2024
Wandering Ghosts
Städtische Galerie im Rathausfletz, Neuburg an der Donau
2023
In Painting We Trust
Galerie Andreas Binder, München
2023
Schönheit und Wahrheit, mit Serena Ferrario und Sebastian Giussani
Rathausgalerie Kunsthalle, München
2021
FOR FREE*
Galerie Andreas Binder, München
2020
Sorry for the inconvenience
Kunstverein Ebersberg
2018
game over, please insert coin, mit Hadrien Dussoix
Galerie Andreas Binder, München
2015
Wollfront, mit Sebastian Giussani
Kesselhaus, Kunstverein Bamberg
2014–2016
Eis, Eisbaby
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
2014
Hangover Gardens, mit Ted Green
Kunstverein Friedberg (Hessen)
2014
The InSight from SideOut
Fluxus Studio, Düsseldorf
2013
Tales from above
Galerie Molliné, Stuttgart
2010
Only a butterfly is a good fly
Reinking Projekte, Hamburg
2006
Mothership Blueprints
Sprüth Magers Projekte, München
2006
One of the first things
Under Construction, Istanbul
Gruppenausstellungen und Projekte (Auswahl)
2025
Klasse Walter Dahn
TRAFIK Projekte, Brühl
2025
Shades of Paint
Galerie Noah, Augsburg
2023
POLYCHROM
Halle 1 – Raum für Kunst im Glaspalast, Augsburg
2022
Transformationen 22 CARE
Cohaus Kloster Schlehdorf
2020
STOA169
Polling
2018
I’M A BELIEVER
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
2017
Urban Art Biennale
Völklinger Hütte, Völklingen
2014
Existenzielle Bildwelten
Weserburg Museum für moderne Kunst, Bremen
2009
Urban Art – Werke aus der Sammlung Reinking
Weserburg Museum für moderne Kunst, Bremen
2008
Call it what you like! Collection Rik Reinking
KunstCentret Silkeborg Bad, Silkeborg
2007
Still on and non the wiser
Von der Heydt-Museum, Wuppertal
2007
Wakin up nights
de Pury & Luxembourg, Zürich
2005
Favoriten
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
2005
7
Sprüth Magers Lee, London
Förderungen
2022
Freie Projektförderung durch die Hypo-Kulturstiftung
München
2011
Förderung durch die Erwin und Gisela von Steiner Stiftung
2004
Stipendium des Bayerischen Staatsministeriums für Kunst und Wissenschaft