deckkraft featuring…

 

Im Reisholzer Hafen präsentiert deckkraft (Walter Eul & Marc von Criegern) im September 2013 sieben monumentale Bilder, die in Kooperation mit sieben Künstlern entstehen. Jeder der geladenen Künstler arbeitet dabei gleichzeitig mit deckkraft an einem gemeinsamen Bild. Ihre unterschiedlichen Malstile und Denkweisen prallen dabei experimentell auf einander.

Weitere Informationen und Videos:  “ deckkraft featuring… „

Eröffnung am 13. September – 19:00 Uhr

Einführung: Dr. Gregor Jansen, Direktor der Kunsthalle Düsseldorf

ab 21:00 Uhr: Liveact Jochannon – „cracking up“ – 3D Dub

Reisholzer Werftstr. 77 – 40589 Düsseldorf – Reisholz – Hafen

Teilnehmende Künstler:  Robert Klümpen, Peter Pommerer, Ted Green, Roman Lang, Robert Pufleb, Stefan à Wengen, Daniel Man

Photos: deckkraft

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Opening:

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vlnr: Walter Eul und Marc von Criegern (Deckkraft), Stefan à Wengen (im Hintergrund), Roman Lang, Daniel Man und Dr. Gregor Jansen (rechts im Bild)

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Deckkraft und Peter Pommerer

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Deckkraft und Robert Pufleb

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Deckkraft und Daniel Man

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Deckkraft und Roman Lang

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Deckkraft und Robert Klümpen

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Deckkraft und Ted Green

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Deckkraft und Stefan à Wengen

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28 Thesen / Aussagen als Eröffnungsrede in Reisholz und im Nachgang zu den Texten von Magdalena Kröner und Stefan à Wengen von Gregor Jansen. (2013)
1.Das Vermögen einer Farbe oder eines Lackes, den Untergrund zu überdecken, wird als Deckvermögen oder Kontrastverhältnis bezeichnet. Die umgangssprachlich ebenfalls oft verwendeten Begriffe Deckkraft und Deckfähigkeit sollen dagegen explizit nicht mehr angewendet werden.
2.Vom Begriff deckend ist opak zu unterscheiden.
3.Je niedriger das Deckvermögen, desto schlechter kann eine Farbe eine andere Farbe überdecken. Weiße Malerfarbe mit hohem Deckvermögen wird Deckweiß genannt, eines der frühesten dafür eingesetzten Pigmente war Bleiweiß. Das zur Übertönung notwendige Deckvermögen hängt aber auch von der Art des Hintergrundes ab. Hellere und dezentere Farben sind leichter zu „übertönen“ als dunkle und intensive.
4.Stefan à Wengen deckt mit starker Kraft den kulturellen Raum als Eindruck zwischen Magie und Mythos, zwischen Symbol und Imagination. Etwas Unheimliches hat sich in unsere Bildercodes eingeschlichen. Symptomatisch für das Gesamtprogramm!
5.Lacke, Ölfarben oder andere professionelle Malerfarben haben in der Regel ein höheres Deckvermögen als Farben wie Wasserfarben. Das Deckvermögen ist eine wichtige Eigenschaft für die Pigmentauswahl. Anorganische Pigmente, die gröbere Partikel besitzen und durch Streuung decken, weisen in der Regel ein höheres Deckvermögen als organische Pigmente auf. Diese erreichen haben mit ihren feineren Partikeln das Deckvermögen meist durch Absorption.
6.Roman Lang verschiebt die Pigmente im geometrischen Raster zu Polke Dots inmitten des Gefüges von Ornament, Symbol, Raster und Detailtreue – Street Art Credibility.
7.Das Deckvermögen wird qualitativ ermittelt, indem eine Farbschicht definierter Dicke auf einen kontrastreichen Untergrund (meist schwarz und weiß einer Kontrastkarte) aufgetragen wird. Quantitativ ermittelt wird das Deckvermögen, indem nach der Trocknung oder Härtung der Farbabstand zwischen dem freien und dem mit Farbe überdeckten Untergrund gemessen wird. Die Schichtdicke, oberhalb der sich die koloristischen Eigenschaften nicht mehr ändern, gilt als deckend.
8.Komplett deckend, und dennoch opak, verstreut Robert Pufleb seine Motive zwischen „Natural Born Killers“ und venezianischem Carne vale – dem „Fleische Lebewohl“ sagen. Wundervolle Nachtfarben.
9.Im Jahre 1934 brachte der Kunsthistoriker und Psychoanalytiker Ernst Kris zusammen mit Otto Kurz das damals provokante Buch „Die Legende vom Künstler“ heraus. Anhand der stereotypen Geschichten und Legenden, die über Künstler häufig niedergeschrieben wurden, stellten sie die Frage nach deren historischer Authentizität. Otto Kurz hatte zum Beispiel entdeckt, dass eine Geschichte, die der Begründer der Kunstgeschichtsschreibung Giorgio Vasari über den Maler Filippo Lippi erzählt, in Wirklichkeit einer italienischen Novelle entnommen war und auf den Künstler schlicht übertragen wurde.
10.Ted Green ist der erste im Bunde der neuen Partner. Sein Leben und Malen sind der Urgrund der erweiterten Deckkraft und des Horizontes über von Criegern und Eul(en) hinaus. Die Eulen sind nicht das, was sie scheinen. Aus Twin Peaks wird Triplets Peaks. Spurensuche nach oder hinter der Wahrheit.
11.Heute ist zum Medium der literarischen Anekdoten-Kontexte von bildender Kunst das Medium Film gekommen. Dabei ist auffällig, dass die Spielfilme zum Leben der Künstler in erster Linie Literaturverfilmungen sind und erst in zweiter Linie „Bildverfilmungen“. Zweifellos ist auch im Film die Neigung zur Legendenbildung und Dramatisierung bei der Schilderung des Künstlerlebens deutlich. Was aber sind die spezifisch bildnerischen Mittel und Möglichkeiten, den Prozess des „Bildermachens#8220; in einer neuen Qualität des Mediums Films in der Darstellung von Künstlerbiographien herauszuarbeiten?
12.In Streifen, in unendlich langen Streifen, wird die Welt geschildert, wird das Leben erzählt wie Peter Pommerer für sich reklamiert mit blauen Mädchen, gelben Elefanten und letztlich doch mit Füßen getreten, oder getragen, unterhalb des Streifens – darf man das Deckkraft nennen!?
13.Neues Thema: Die Kunst, andere für sich arbeiten zu lassen! Malergenie im kalten Kämmerlein? Nicht im Ernst! Heutige Künstlerstars sind lieber Unternehmer, die in Großraumstudios Werke unter Laborbedingungen in Serienproduktion anfertigen lassen. Solche Kunstmanufakturen sind allerdings keine Erfindung des 21. Jahrhunderts – es gibt sie, seit es die Kunst gibt, besser, seit es die Legende der Kunst und der Künstler gibt.
14.Es gibt nur eine Sache, die in der Kunst wirklich zählt. Die Signatur! Der kleine Schriftzug auf einem fertigen Gemälde entscheidet darüber, ob sich dieses im Zweifelsfall in einen fetten Wert verwandelt oder doch nur ein Haufen Material ohne jede Absicht bleibt. Die Signatur ist die Obsession des Kunstbetriebs!
15.Die Signatur besteht gewöhnlich aus einem einzigen Namen, dem des Künstlers. Manchmal sind es auch zwei. Dann handelt es sich in der Regel um ein Künstlerpaar. Was dagegen so gut wie nie vorkommt, ist, dass ein Produktionskollektiv auf einem Kunstwerk unterzeichnet.
16.In den wilden Abwaschungen bei Robert Klümpen wird man dem Kampf, dem Schweiße des Ringens, dem multiplen Kämpfen angesichts des ambivalenten Motivverlusts und Motivgewinns gewahr. Impulsiver Nachvollzug der getanen Arbeit! Das Bild stößt ab und zieht attraktiv an. Kollektivschweiß – Unbedingt Film sehen!
17.In manchen Großraumstudio-Ateliers hört man allerorten das bindende Wörtchen „wir“. Auch vom Meister selbst: Wir haben festgestellt. Wir haben ausprobiert. Kollektivgedanke. Und die Rede ist hier keineswegs von einer lässig agierenden, basisdemokratischen Rockband, die etwas musiziert, zusammen spielt, zusammen ein Bier trinkt und Songs komponiert. Der Betrieb (hier Bsp. Anselm Reyle) ist ein mittelständischen Unternehmen: Es gibt einen Chef, und um ihn herum werkeln zwei Dutzend Helfer – Künstler, Architekten, Schreiner – die so lange anonym bleiben, bis man sie nach ihrem Namen fragt.
Angesichte der Größe der Arbeiten: aktuelle WAHLPLAKATE… Das WIR entscheidet … SPD.
18.Ob von Rembrandt und Rubens denkend, an Warhols Factory erinnernd; Frühe Werkstätten ähnelten Alchimistenlabors, wo der spätmittelalterliche Meister mit seinen Gehilfen die Kunst wie eine Geheimwissenschaft betrieb, mit sorgsam vor der Konkurrenz gehüteten Musterbüchern. Heute sind die globalen Wir-AGs von Olafur Eliasson, Tobias Rehberger, der Vorreiter Jeff Koons, Damien Hirst, Zhang Huang und Murakami Takashi mit seiner Company KaiKai Kiki ganz ähnliche Unternehmen mit Beschäftigungsverhältnissen zwischen 20 und 200 Menschen.
19.Seit der Renaissance strebten die Künstler nach einer nicht strikten, aber doch latenten Trennung von Entwurf und Ausführung. Theorie des Disegno. Sie wollten ihre traditionelle Zugehörigkeit zum Handwerk und zu den Zünften überwinden und ihren gesellschaftlichen Stellenwert eben dadurch erhöhen, dass sie den geistigen Aspekt ihrer Arbeit betonten. Die Werkstatt, als Stätte einer angestrengt mühsamen, mitunter schmutzigen Handarbeit, blieb bei diesen Ambitionen ein heikles Terrain.
20.Die Idee des schöpferischen Einzelgängers, des Genies, zog sich relativ ungehindert vom 19. Jahrhundert durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, und quer durch die Avantgarden der Moderne. Im Grunde brach dann nach der Intervention von Duchamp Warhol mit dem antiquierten Geniebegriff. Warhols New Yorker „Factory“ war nicht nur Arbeitsplatz für seine Assistenten, die dort nach seinen Anweisungen Siebdrucke und allesmögliche fabrizierten. Sie war vielleicht auch die berühmteste Partylocation der Sechziger – ganz nebenbei entstanden Filme. Wie kein zweiter Künstler begriff Warhol, dass im angehenden Medienzeitalter die Trennung zwischen Original und Reproduktion, wenn überhaupt vorhanden, hauchdünn werden würde.
21.Die Qualitätskontrolle, die nachträgliche Selektion der gelungenen Werke, ist wichtiger Teil der Produktionskette. Oder, um mal wieder direkt zum Thema zu kommen, bei Deckkraft das Ende der jeweiligen Kooperation. Aus 3 mach eins! Schluß machen bedeutet – Gut ist´s!
22.Walter Eul und Marc von Criegern sind ein Kontrastverhältnis. Name – und Logo – für deckkraft. In der Hinzunahme eines dritten Künstlers, und es sind ausnahmslos männliche Kollegen, bislang, wie sie anmerken!, entsteht neben dem bestehenden Kontrast- noch ein Spannungsverhältnis. Diese Bilder – wie die Werke davor – sind für einen bestimmten Ort entstanden, diese 7 hier mit ihrer Größe von 3, 50 x 6 Metern also genau für hier. Monumentale Manifeste, geschrieben wie gemalt.
23.Diese Bilder gemahnen an abstrakte Expressionen oder expressive Figurationen. Die gewohnte individuelle Autonomie geht auf – oder unter – im prozesshaften Austarieren des gemeinsamen Handelns.
24.Die Wahl der Künstler war von reinem Interesse geprägt. Es sollten spontane, ungesteuerte, freie und experimentelle Teamworks entstehen, eine ständige Herausforderung für die zwei und einen dritten Beteiligten. Selbstorgansierte Schein-Selbständigkeit in Zeiten von Hartz 4.
25.Gemeinsam ist man stärker und nicht mehr einsam im Atelier. Ein Scheitern wird unwahrscheinlicher. Ein Kompromiss erträglicher. Wie ein Free-Jazztrio feilen sie am großen Ganzen, aber auch an Nuancen. Die Ergebnisse sind verblüffend, das Risiko wird belohnt.
26.Erstaunlich ist die Geschlossenheit dieser Offenheit, ist die Farbigkeit und Dynamik, welche spontan an Graffitis oder Writings im Stadtraum und die Street erinnern. Überlagerung, Übersättigung, Übersprühen, Textbilder ohne Texte – muralistisch motivierter, sozialistischer Realismus? Anklänge an ein anonymisiertes Arbeiten im Öffentlichen, ein Arbeiten mit Sprays und Schablonen, das deutliche Negieren einer Handschrift, die Propaganda der Eigengestaltung als Abgrenzung zur Konvention.
27.Beim siebten im Bunde Daniel Man ist „die Straße mit viel Fun verbunden, weil sie spontan reagiert – oder vermeintlich spontan, viele Sachen entstehen inzwischen ja in mühsamer Kleinstarbeit zu Hause. Das ist fast schon konzeptuelle Street. Ich hätte gern, dass das, was akademisch ist, wieder durchflutet wird von dem Spontanen und Witzigen.“ Chin. Zitat: „Hüte dich vor Männern, deren Bauch beim Lachen nicht wackelt!“
28.Im Fragmentarischen verbirgt sich das pluralistische, kollektive Weltbild einer entindividualisierten Weltsicht. Alles ist flach geworden, die Oberfläche ist Farbe ohne Raum – aber mit hoher deckkraft.
29.Allen Beteiligten, deckkraft, Marc und Walter, vor allem, aber auch allen 7 Künstlern, insbesondere für den Mut der Teilnahme, sei ganz herzlich gedankt. Die Ergebnisse sind überzeugend und die malerische Wirkkraft verblüffend. Die Ausstellung hier ist ein seltener Beweis, dass Kollektive durchaus ihren Sinn stiften können. Denn sie irritieren uns, wenn sie gut sind, da es unserem sonstigen heutigem Streben nach Individualität widerspricht. Weiter so Deckkraft.
30.Schluß machen bedeutet – Gut ist´s!
© Walter Eul und Marc von Criegern – deckkraft.org